13. August 1961 – Der Tag, an dem eine Stadt zerriss
Ein Gedenken an den Bau der Berliner Mauer und die Opfer einer Politik der Abschottung — auch hier in Schwerin
Am Morgen des 13. August 1961 erwachten die Berliner:innen in einer anderen, in einer hermetischen Welt. Was in der Nacht zuvor begonnen hatte, veränderte das Leben von Millionen Menschen: Scharfe Schäferhunde, Stacheldraht, Barrikaden, bewaffnete Posten – die Berliner Mauer wurde errichtet. Familien wurden getrennt, Freundschaften abgerissen, Lebenswege abrupt beendet. Die SED-Führung nannte es einen „antifaschistischen Schutzwall“, doch in Wahrheit war es eine Mauer wider das eigene Volk.
„Ich bitte alle, die unter der Mauer gelitten haben, um Entschuldigung“, erklärte Katja Kipping 2020 im Bundestag. Es war nicht das erste Mal, dass Vertreter der Linkspartei die Verantwortung für das Unrecht der DDR offen benannten. Bereits 1989 erklärte Michael Schumann auf dem Außerordentlichen Parteitag der SED/PDS: „Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System.“ Dieser Bruch bedeutete auch eine Auseinandersetzung mit der repressiven Politik der DDR, ihrem Führungsanspruch und dem tödlichen Grenzregime.
Die Zahlen bilden lediglich die kalte Statistik, nicht aber die gewaltsam beendeten Leben: Laut einer Studie der FU Berlin kamen zwischen 1949 und 1989 insgesamt 429 Menschen an der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer ums Leben. Der letzte war Chris Gueffroy, erschossen am 5. Februar 1989. Auch wenn in M-V / Bezirk Schwerin die Grenze eine Wassergrenze war, war diese nicht weniger tödlich: Eine Studie der Universität Greifswald beziffert die Todesfälle bei Fluchtversuchen über die Ostsee auf 135.
Für viele, die in der DDR aufwuchsen, ist der 13. August nicht nur ein historisches Datum, sondern ein persönlicher Einschnitt. „Ich bin, wenn man will, auch ein Mauerkind“, sagt Daniel Trepsdorf, Co-Vorsitzender der Partei Die Linke Schwerin. „Dreizehn Jahre lang stand ‚die Mauer‘ auch in meinem Leben. Die Gravität dieses Begriffes – ‚d i e M a u e r‘ – hallt insbesondere für Menschen, die beide Systeme vor und nach 1989/90 erlebt haben, noch stark nach. Denn diese Mauer war eine Chiffre dafür, wohin Dogmatismus, eiserne Ideologie und empathielose Ignoranz führen können.“ Und für unzählige andere bedeutete sie permanente Angst, Isolation und den Verlust der Freiheit.
Der 13. August ist ein Tag der Mahnung. Er erinnert daran, dass politische Ideologien, wenn sie Glaubenssätze und Machtanspruch über die Würde des Menschen stellen, mit Unerbittlichkeit zu Unrecht, Gewalt und Tod führen können. Geschichte muss von jeder Generation erneut ins Bewusstsein geholt werden, um Lehren zu ziehen.
„Stacheldraht, Elektrozaun: Das hilft mehr als Gottvertrauen!“, so dichtete einst Liedermacher Wenzel. Denn global betrachtet sind schwer bewaffnete Grenzen, Schießanlagen, Todesstreifen, Hunde und Soldaten, Scheinwerfer und die Tränen der Angehörigen nicht weniger geworden. Gregor Gysi und Die Linke haben sich u. a. 2014 anlässlich des 25. Jubiläums des Mauerfalls für das „staatliche Unrecht, das Leid“ und die Repressionen entschuldigt. Allen, die für eine aufgeklärte und verantwortungsvolle linke Politik streiten, muss dies auch vierundsechzig Jahre nach dem Mauerbau Verpflichtung und Triebfeder ihres gesellschaftspolitischen Handelns sein, dem rotierenden Rad persönlicher Unfreiheit, Menschenrechtsbrüchen oder sozialer Unfairness in die Speichen zu fallen.
Heute, Jahrzehnte nach dem Mauerfall, gilt es, diese Erinnerungen wachzuhalten – gerade für jene, die in Freiheit aufwuchsen. Damit der dunkle Blick in den Spiegel der Geschichte nicht erneut zum Bild der Gegenwart wird. Ja, wir können aus Geschichte lernen, sofern wir es denn wirklich wollen.
* Die neuen Angaben stammen vom Forschungskonsortium "Eiserner Vorhang". Daran beteiligt sind der "Forschungsverbund
SED-Staat" und das Center für Digitale Systeme (Cedis) der Freien Universität Berlin, die Universität Greifswald sowie die Universität Potsdam.

