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Extremismus Experte im OZ-Beitrag, Fehlende Abkehr von Rechtsextremismus und rassistischer Menschenfeindlichkeit vs. karitative Taten und gemeinnützige Aktionen

Fehlende Abkehr von Rechtsextremismus und rassistischer Menschenfeindlichkeit vs. karitative Taten und gemeinnützige Aktionen

Kommentar zur Debatte um „Tätowierte gegen Krebs“ und dem Engagement von Sebastian K. in Mecklenburg-Vorpommern. Haben (vermutliche Ex-) Neonazis eine zweite Chance verdient? Und falls ja, unter welchen Voraussetzungen?

 

D. Trepsdorf im Kontext des OZ-Interviews:

Selbstverständlich muss die offene demokratische Gesellschaft auch für jene eine Rückkehroption bieten, die sich von Gewalt, Rassismus und Rechtsextremismus distanzieren. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass diese Distanzierung sowohl verbal artikuliert als auch durch ein konsistentes Auftreten im Alltag glaubwürdig ist. Die »Hells Angels« haben ihren dubiosen Ruf eben nicht durch das jahrelange Betreiben von Suppenküchen und Waisenhäusern erlangt. Vielmehr wirken sie in der Öffentlichkeit als Synonym für autoritären Führungskult, harte Gewalt- und Drogendelikte, Zuhälterei und Zwangsprostitution sowie Schutzgelderpressungen. Gerade deshalb steht die Mitgliedschaft in einer gewaltverherrlichenden, martialisch auftretenden Motorradgang wie den »Hells Angels« im krassen Gegensatz zum gemeinnützigen Engagement einiger ihrer Mitglieder. — Zudem ist mit Mirko A., Präsident des Rostocker Charters sowie ehemals führendes Mitglied der gewalttätigen Neonazi-Kameradschaft „Selbstschutz-Sachsen-Anhalt“ (SS-SA), in einer Führungsposition, zu der andere aufschauen. Auch angesichts dieser brisanten Personalie fehlt bisher eine breite öffentliche Distanzierung der Mitglieder von Gewalt und Rechtsextremismus.

In sozialen Netzwerken wird immer wieder kolportiert, wie attraktiv die Mitgliedschaft von Neonazis in einschlägigen Motorrad-Rockerklubs ist, um nach außen hin einen Ideologiebruch vorzutäuschen. Gegenüber der eigenen Peer-Group wird indes durch die Mitgliedschaft demonstriert: „Ich bin immer noch Teil der Bewegung!“. Hierauf verweist dito die Analogie berüchtigter Symbole und Zahlencodes aus der rechtsextremen Szene. Im Falle der »Hells Angels« deren Initialen „H+A“ („Code 81“ entspr. „H“, „A“ ==> Adolf Hitler) ist dies mehr als offensichtlich.      

Hier muss die Frage nach einem möglichen »Social Greenwashing« gestattet sein. Ist letzteres der Fall, so geht es eben nicht um die gute Sache an und für sich, sondern um eine Strategie. Das Engagement dient dann lediglich als Türöffner für gesellschaftliche Akzeptanz in der bürgerlichen Mitte. Die öffentlich und medial vorgetragenen Aktivitäten im Charity-Wesen einiger zweiradaffiner Rechtsrocker erfüllen dann lediglich den Zweck, die dunklen Seiten und demokratiefeindlichen Überzeugungen anschlussfähig zu machen („Kann doch alles nur halb so schlimm sein!“) oder zumindest zu relativieren („Lasst die Vergangenheit doch endlich ruhen“).

Ein geografisch fernes Beispiel zur Verdeutlichung der Argumentation

Bemühen wir doch einmal ein drastisches Beispiel zur Verdeutlichung: Der kolumbianische Drogenbaron Pablo Escobar, Chef des Medellín-Kartells, war bis zu seinem Tod 1993 einer der mächtigsten und brutalsten Bosse des organisierten Verbrechens in Südamerika. Über 500 Richter und Polizisten sowie ungezählte Zivilisten starben durch seine Hand oder die seiner Schergen. Tausende Drogentote im mittelamerikanischen Raum sind durch Escobars Kokain- und Heroinhandel zu beklagen. Geht man indes heute durch Medellin, eine Stadt, die von Gewalt und grassierende Armut sowie staatliche Handlungsunfähigkeit geprägt ist, wird oftmals von der anderen Seite dieser Person berichtet: Escobar, der auch unter den Ehrennamen „El Doctor“ oder „El Patrón“ einen guten Ruf genoss, war stark sozial engagiert. Er finanzierte Witwenorganisationen, Waisen- und Krankenhäuser, Sozialwohnungen und Schulen. Dutzende Dollarmillionen aus Spenden, Geldwäschepraktiken und Drogenprofiten flossen über die Jahre so nachweislich in karitative Einrichtungen. Dadurch erarbeitete er sich insbesondere einen makellosen Ruf bei der strukturell verarmten Bevölkerung. Die Regierung ließ ihn gewähren, damit überhaupt so etwas wie kommunale Sozial- und Bildungspolitik in Medellin stattfand. – Hand auf’s Herz: Beide Beispiele sind nur schwer zu vergleichen. Vom ethisch-moralischen Grundsatz her müssen wir indes im Wertediskurs einer Demokratie die kritische Frage stellen: „Ist es okay, wenn eine Einzelperson oder eine Gruppe von Menschen einerseits zweifellos Gutes tut, dieselben Akteure sich auf der anderen Seite aber durch Gewalt, Rassismus und durch ihre Nähe zum organisierten Verbrechen auszeichnen?!“

Klar, jede/r hat eine zweite Chance verdient. Gerade auch ausstiegswillige Neonazis. Doch eine Kernvoraussetzung dafür ist eine klare Distanzierung von Gewalt sowie Glaubwürdigkeit und Konsistenz im Auftreten. Dergestalt würde nicht nur das eigene positive Engagement von Sebastian K. gestärkt werden. Vielmehr zeigte der Charity-Aktivist dadurch auch nach außen, dass er sich als Person seiner Vorbildrolle für Heranwachsende bewusst ist, die womöglich mit einer Mischung aus Faszination und Bewunderung auf ehemals führende Neonazikader in MV blicken. Dies wäre ein gutes Beispiel für Verantwortungsübernahme, das aufgrund seiner Konsequenz keinen Raum für Zweifel ließe.  

Hass gegenüber Journalisten/-innen 

Noch ein Wort zu den Angriffen auf die Journalistin Natalie Meinert (Nordkurier), die diese komplexen Fragen zum o.a. Sachverhalt in einem Artikel aufgeworfen hat. Sie geriet daraufhin in den sozialen Netzwerken in einen ausartenden Shitstorm par excellence. Ihr selbst wurde „der Krebs an den Hals gewünscht“, sie wurde als „linke Schlampe“ und „ekelhafter Schmierfink der Systempresse“ in einschlägigen Kommentarspalten attackiert, ja, verbal niederkartätscht. Ein Vorgang der scharf verurteilt werden muss. Und zu dem sich Sebastian K. auch nicht äußerte. Er wirkte auch nicht auf seine Fürsprecher und wortgewaltigen Verteidiger ein, die artikulierte Gewalt gegenüber der Journalistin einzustellen. Ein Tatbestand, der definitiv in seinem Einflussbereich und in seiner Verantwortung gelegen hätte!

Viele Journalist*innen und Medienschaffende, die sich kritisch mit dem Thema Rechtsextremismus befassen, haben bereits ähnliche Erfahrungen bis hin zu Lynchmord-Aufrufen in Deutschland gemacht. Hier gilt es, auch verbal abzurüsten: Hatespeech und Hassgewalt muss entschieden den Stecker gezogen werden! Denn eine freie, unabhängige und nicht eingeschüchterte Presse ist eine wesentliche Grundlage unserer Demokratie. – Anderer Meinung kann man im öffentlichen Diskurs stets sein, es darf gern auch heftig gestritten werden. Aber bitte mit Augenmaß und zivilisiert, ohne Verunglimpfung, Gewaltaufrufe und Tiefschläge unter die Gürtellinie! Denn das Schüren von Hass, Missgunst, Gewalt, Zeter und Mordio sind vor allem beliebte Methoden aus dem menschenverachtenden Giftschrank, aus dem rechtsextremistischen Instrumentenkoffer. Dies muss allen Diskursbeteiligten klar sein.